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Der Teufelskreis der Versagensängste


Zur besseren Veranschaulichung der Entstehungsbedingungen von Potenzstörungen sollen uns folgende Leitsätze dienen.


1. Unsere Erregung verläuft nicht linear oder - Erregungsschwankungen sind völlig normal

Der Orgasmus kann als Gipfel der Lust und als Höhepunkt unserer sexuellen Erregung definiert werden. Was aber passiert, bis es so weit kommt? Sicherlich bedarf es einer gewissen psychischen sexuellen Erregung und meist angemessener körperlicher Reizung, bis unser Organismus - besser gesagt unser Penis - mit einer Erektion reagiert. Dieser Erregungsanstieg verläuft aber nicht kontinuierlich. Auch wenn sich im Verlauf des Liebesspiels eine Erektion eingestellt hat, kann nicht damit gerechnet werden, dass die nun erreichte Lustschwelle bis zum Höhepunkt beibehalten wird.
Dies gilt für alle Variationen des zärtlichen Miteinanders, also auch für den Geschlechtsverkehr selbst. Das Niveau unserer Erregung wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Das Stöhnen der Partnerin als Signal ihrer Wollust, ihre verstärkten Bewegungen als Zeichen eines näher rückenden Höhepunkts können in kürzester Zeit den Ejakulationsreflex auslösen. Ein kurzer Augenblick der Ablenkung, das Klingeln des Telefons oder ein störender Gedanke können andererseits in Sekundenschnelle das Abklingen der Erregung bewirken. Die damit korrespondierende Steifheit des männlichen Gliedes ist somit ständigen Schwankungen ausgesetzt, die vorwiegend von innerpsychischen Prozessen gesteuert werden. Manche dieser Prozesse treten gar nicht ins Bewusstsein. Registriert und (falsch) interpretiert wird dann lediglich das Ergebnis: eine nachlassende Potenz.

Viele Männer haben eine Abneigung gegen die Verwendung eines Kondoms. Der Vorgang, das Liebesspiel zu unterbrechen, um ein Präservativ anzulegen, gilt als unerotische Handlung. Jeder Mann mit Kondom-Erfahrung weiß: Am einfachsten lässt sich so ein Gummi bei einem voll erigierten Glied überstreifen. Fast alle diese Männer haben aber auch schon erlebt, dass dabei die Erektionsstärke deutlich nachlassen kann. Somit verbirgt sich hinter dieser Abneigung nicht selten eine Angst vor Erektionsverlust. Die Fähigkeit zum Koitus darf nicht verloren gehen, die Partnerin könnte dies als eine Potenzschwäche oder als ein nachlassendes Begehren missverstehen. So die geheime Furcht vieler Liebhaber.

Das Bemühen um eine ständige Penetrationsbereitschaft ist alleine schon ein Stressfaktor, der sich negativ auf die sexuelle Genussfähigkeit niederschlägt. Denn es gilt auch unser zweiter Leitsatz:

2. Selbstbeobachtung schränkt die sexuelle Erlebnisfähigkeit ein

Steht er, oder steht er nicht? Diese Frage stellt sich insbesondere beim vorkoitalen Liebesspiel. Vor allem in dem Moment, wo es besonders auf die Potenz ankommt. Die Partnerin ist zum intensivsten Kontakt bereit, wünscht oder fordert sogar, den Penis in sich zu spüren. Die Vorstellung, jetzt zu versagen, ist grauenhaft. Die Geliebte jetzt enttäuschen? Skrupel dieser Art haben vorwiegend partnerbezogene und sensible Männer. Liebhaber, die unter allen Umständen den Erwartungen ihrer Partnerin gerecht werden wollen. Folgerichtig neigen derart besorgte Männer verstärkt dazu, sich selbst als funktionierende Liebespartner zu beobachten.

Die Lust der Partnerin wird ständig registriert; die Bereitschaft, auf alle ihre Wünsche einzugehen, hat größte Priorität. Dazu gehört eine stete Kontrolle über die eigene Potenz. Dies lenkt natürlich vom eigenen Lusterleben ab, verhindert die eigene Hingabefähigkeit. Der Anspruch an eine insbesondere für die Geliebte zufriedenstellende sexuelle Begegnung bekommt Leistungscharakter. Unser nächster Leitsatz hat hier eine zentrale Bedeutung.

3. Sex ist kein Leistungssport

Einen Muskel kann man trainieren. Die Kondition lässt sich durch regelmäßige sportliche Aktivität steigern. Beim Sex läuft es etwas anders. Unser Penis gehorcht nicht auf Befehl. Wir haben keinen willentlichen Einfluss auf das Zustandekommen einer Erektion. Žhnlich wie unsere Verdauung sind unsere sexuellen Reaktionen vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Eine Beeinflussung ist demnach nur indirekt möglich. Wichtigste Bedingung für eine funktionierende Erregung ist ein entspannter Organismus. Das heißt nicht, dass alle unsere Muskeln während des Liebesaktes völlig schlaff sein müssen - die meisten Liebespraktiken wären so gar nicht möglich. Es zählt vielmehr die innere, geistige Entspannung. Gedanken, die frei sind von Stress und Žngsten, Wahrnehmungen, die auf erotische Signale und sexuelle Stimulation eingerichtet sind. Je freier der Kopf von störendem Anspruchs- und Leistungsdenken ist, umso größer ist die Genussfähigkeit und umso ungestörter verlaufen die begleitenden Körperreaktionen bis hin zum Höhepunkt. Die für die jeweilige Liebespraktik gewünschte Erektion stellt sich dann automatisch ein. Andererseits verhindern ängstliche Erwartungen unsere natürlichen sexuellen Reaktionen. Denn es gilt letztlich:

4. Stress und sexuelle Potenz sind unvereinbar

Wie sieht nun der Stress bei einer Erektionsstörung aus? Was bedingt ihn, und wie wird er gesteigert? Welche Konsequenzen hat der so genannte Teufelskreis? Die Grafik auf der nächsten Seite soll diesen Prozess verdeutlichen.

Die Erektion schwankt, verschwindet möglicherweise in einer entscheidenden Situation der intimen Begegnung. Nehmen wir an, es war ausgerechnet in dem Moment, in dem die Geliebte ihren Partner darum bat, in sie einzudringen. Ein solches Missgeschick kann nur schwer überspielt werden. Der Mann hält seinen halbsteifen Penis zwischen seinen Fingern. Die Eichel verbiegt sich beim Versuch, ihn dennoch in das Innere der Geliebten zu platzieren. Die Frau wartet auf ein Gefühl, das nicht kommt. Möglicherweise versucht sie selbst, mit der Hand nachzuhelfen, und spürt spätestens dann, dass da etwas nicht hart ist, was hart sein sollte. Die Geliebte spendet Trost: "Lass dir Zeit, Liebling, versuchen wir es später noch einmal", lauten unter Umständen ihre Worte. Sie wird bei ihm eines dadurch kaum verhindern: ein Erlebnis des Versagens, zumindest in diesen Augenblicken. Die Potenz ist nun mal die Achillesferse vieler Männer. Der "Schlappschwanz" gilt ja auch im übertragenen Sinn als Bezeichnung für jene Männer, die in vielen Persönlichkeitsbereichen "nicht ihren Mann stehen".
So ist es kaum verwunderlich, wenn ein solches Erlebnis starke Selbstzweifel auslöst. Die Männlichkeit steht auf dem Spiel, denn "ein richtiger Mann hat doch im Bett keine Probleme - oder"? Es gibt auch Frauen, die in einem solchen Augenblick die Frage stellen, ob sie es denn seien, die etwas falsch gemacht haben. Oder Frauen, die diese Situation mit ihrer möglicherweise fehlenden sexuellen Attraktivität in Verbindung bringen. Fragen und Probleme, die zusätzlich das erotische Klima der Begegnung belasten. Auf jeden Fall darf sich ein solches Desaster nicht wiederholen. So der feste Vorsatz beider Partner. Der Leistungsgedanke, der Anspruch, dass beim nächsten Versuch alles klappt, schwebt wie ein unsichtbares Damoklesschwert über dem Doppelbett. Aus einer vielleicht zunächst ganz lockeren intimen Begegnung ist jetzt eine Situation der Bewährung geworden. Der Mann wird nun sein geistiges Auge ständig auf den Zustand seines Gliedes richten. Ist die Erektion stark genug? Soll man einen neuen Versuch wagen? Was ist, wenn er wieder zusammenfällt? Das sind nun die entscheidenden Fragen für den weiteren Ablauf. Die Phasen der Erektionsschwäche sollen am besten für die Partnerin verborgen bleiben. Sie könnte erneut falsche Interpretationen ins Feld führen. Allein dieses zusätzliche Bemühen erfordert psychische Energie. Wahrnehmung und Phantasie kreisen schon lange nicht mehr um sexuell stimulierende Bilder. Aus den Zärtlichkeiten der Geliebten kann kaum mehr Lustgewinn abgeleitet werden. Sie sind ungewollt zu funktionellen Bemühungen um eine hinreichende Erektion degradiert. Kein Wunder, wenn sich in den folgenden Minuten kein harter Penis einstellt. Kein Wunder, wenn er sich beim nächsten Versuch einer "Immission" abermals verbiegt und sein Ziel verfehlt. Das Schlafzimmer hat sich von einer Oase der Lust in eine Frustzone verwandelt. Stress und ängstliche Erwartung eines erneuten Scheiterns erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Versagens. Der Teufelskreis hat sich geschlossen. Ein paar Erlebnisse einer unzulänglichen Potenz reichen aus, jedem neuen Versuch mit negativen Erwartungen zu begegnen. Erwartungen, die das nächste Scheitern bereits programmieren. Die Rat- und Mutlosigkeit wächst. Resignation macht sich breit.

Da jedes Misserfolgserlebnis aufs Neue schmerzt und unsere Frustrationstoleranz begrenzt ist, werden allmählich die Versuche eingestellt, sexuelle Kontakte begrenzt und nicht selten völlig vermieden. Berufsstress, Müdigkeit und das späte Fernsehprogramm leisten dann vortreffliche Alibifunktion. Auch ein Streit, im richtigen Augenblick vom Zaun gebrochen, kann dem Vermeidungsverhalten Vorschub leisten. Die Gefahr eines erneuten Gesichtsverlustes wäre einfach zu groß.